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Es gibt in der Literatur Figuren, die im Laufe von Jahrzehnten
und Jahrhunderten den Status der Unsterblichkeit erlangt
haben und in der Vorstellung der Leser als Repräsentanten für Urmotive oder Grundkonflikte des menschlichen
Lebens stehen. In der Erinnerung an literarische Werke
erwachen in uns spontane Vorstellungen davon, wie sich
bestimmte unverwechselbare Charaktere mit sich und ihrer
Umwelt, d.h. mit dem Leben, auseinandersetzen. Und die
Faszination dieser Geschichten hat natürlich auch damit
zu tun, daß wir uns in den Protagonisten ein Stück weit
selbst erleben, mit all unserer Leiden-
schaftlichkeit, mit unseren Wünschen und Konflikten, oft
aber auch schaudern müssen über die Abgründe, die sich
durch den extremen Verlauf der entsprechenden Schicksale
auftun.
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Es scheint mir wichtig, sich dieser Bedeutung der Literatur
und im weiteren Sinne jeder Art von Kunst bewußt zu werden,
da wir - was die Welt der inneren Objekte betrifft - oft
nur von Bildern sprechen, die sich auf die eigene Erfahrung
mit der Realität beziehen. Die Begegnung mit der Kunst
schafft ebenfalls innere Bilder, Vorstellungen, Phantasien,
Gefühle und Erkenntnisse, und wir sollten deren Wirkung
nicht unterschätzen. Sie hat ihren Anteil an der ständigen
Neugestaltung der inneren Welt, einer Veränderung, die
sich u.a. auch dadurch ergibt, daß wir Repräsentanzen
der realen Erfahrung mit solchen aus dem Bereich der Fiktion
vermischen. Die kathartische Wirkung der Literatur ist
ein oft diskutiertes Beispiel einer solchen inneren Veränderung; es
gibt aber, wie wir noch sehen werden, auch noch andere
Möglichkeiten der Beeinflußung durch die Welt der Fiktion.
Eichendorff gelingt es mit der Darstellung seiner Taugenichtsfigur,
deren märchenhaft wirkendes Wanderleben er auf dem Hintergrund
einer biedermeierlichen Welt gestaltet, den Leser in eine
innere Welt zu versetzen, die sich einer direkten Beschreibung
entzieht, weil sie sich außerhalb des Erinner- und Vorstellbaren
befindet. Ich beginne meine Ausführungen über die primäre
Lebensorganisation mit der Interpretation des "Taugenichts", weil dieser Text in ganz spezieller Weise Zugang
zur frühen Erfahrungswelt vermittelt - zu jener Welt,
in der es noch keine sekundären psychischen Strukturen
gibt. Es ist ein spontaner Zugang zu einer frühen, unreflektierten
Form der Existenz, die das Lebensgefühl des Taugenichts
weitgehend prägt und ihn deshalb als "Gotteskind" erscheinen
läßt, und es sind die Mitteilungen aus diesem verschütteten
Bereich der Selbsterfahrung, die in den Lesern über Generationen
hinweg eine offensichtlich euphorisierende Wirkung ausgelöst
haben.
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