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Das Märchen gehört mit seiner Art des Erzählens in den
Bereich der mythologischen Weltbetrachtung. Die Mythen
sind, schreibt Norbert Bischof (1996, S. 77), "zu Bewußtsein
gebrachte und damit der Auseinandersetzung erschlossene
Grundmöglichkeiten der Selbst- und Welterfahrung", und
ihre Darstellung zeugt davon, welchen Nachhall diese Erfahrung
in der subjektiven Erlebniswelt gefunden hat. Mythen berichten
von der Beziehung zwischen dem Menschen und einer Welt
oder Lebenssphäre, die der bewußten Erinnerung nicht zugänglich
ist. Und man findet in ihren Geschichten, z.B. auch in
der "Unke", die Vor-
stellung, daß alles Irdische in einem symbiotisch-sympathetischen
Urgeschehen gründe. Mythologisches Erzählen berichtet
ursprünglich über einen angeblich verborgenen Ur-
zusammenhang zwischen den Göttern und den Menschen, häufig
aber auch - und das ist für unsere Thematik interessant
- zwischen der Natur und dem Menschen.
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"Es war einmal ein kleines Kind, dem gab seine Mutter
jeden Nachmittag ein Schüssel-
chen mit Milch und Weckbrocken, und das Kind setzte sich
damit hinaus in den Hof. Wenn es aber anfing zu essen,
so kam die Hausunke aus einer Mauerritze hervorgekrochen,
senkte ihr Köpfchen in die Milch und aß mit. Das Kind
hatte seine Freude daran, und wenn es mit seinem Schüsselchen
da saß und die Unke kam nicht gleich herbei, so rief es
ihr zu:
,Unke, Unke, komm geschwind,
komm herbei, du kleines Ding,
sollst dein Bröckchen haben,
an der Milch dich laben.'
Da kam die Unke gelaufen und ließ es sich gut schmecken.
Sie zeigte sich auch dankbar, denn sie brachte dem Kind
aus ihrem heimlichen Schatz allerlei schöne Dinge, glänzende
Steine, Perlen und goldene Spielsachen. Die Unke trank
aber nur Milch und ließ die Brocken liegen. Da nahm das
Kind einmal sein Löffelchen, schlug ihr damit sanft auf
den Kopf und sagte: ,Ding, iss auch Brocken.' Die Mutter,
die in der Küche stand, hörte, daß das Kind mit jemand
sprach, und als sie sah, daß es mit seinem Löffelchen
nach einer Unke schlug, so lief sie mit einem Scheit Holz
heraus und tötete das gute Tier. Von der Zeit an ging
eine Veränderung mit dem Kinde vor. Es war, solange die
Unke mit ihm gegessen hatte, groß und stark geworden,
jetzt aber verlor es seine schönen roten Backen und magerte
ab. Nicht lange, so fing in der Nacht der Totenvogel an
zu schreien, und das Rotkehlchen sammelte Zweiglein und
Blätter zu einem Totenkranz, und bald hernach lag das
Kind auf der Bahre." (Grimm J. und W., 1856/57, Bd. 2,
S. 100)
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